Wiener Neustadt – Eine traditionsreiche Braugeschichte

Die Anfänge liegen im Dunkeln

Bier wurde, wie in andere Städten, auch in Wiener Neustadt vermutlich bereits seit der Stadtgründung 1194, gebraut und getrunken. Die historischen Quellen schweigen dazu allerdings bis ins 16. Jahrhundert. Im Jahr 1557 findet sich in der Stadtchronik erstmals der Hinweis, dass „24 Urn Bier“ (=200 Liter) ausgeschenkt wurden. In einer Liste alkoholhältiger Getränke stand es dabei allerdings an letzter Stelle. Die Beliebtheit von Wein war in unserer Gegend damals noch übermächtig. Biertrinken nahm aber an Fahrt auf und gewann in den folgenden Jahrzehnten zunehmend an Popularität. 1579 erging ein Regierungserlass, der nur den Klöstern, Städten und Märkten erlaubte, Bier zu brauen. Eine Reaktion auf die zahlreichen – auch in Wiener Neustadt entstanden – kleineren Hausbrauerein, die den größeren Brauerein die Klientel abspenstig machten.

Im Jahr 1621 findet sich die erste Erwähnung des Wiener Neustädter Brauhauses in der Stadtchronik. Die Besitzer der um Wiener Neustadt gelegenen „Herrschaften“ erhoben bei Kaiser Ferdinand II Einspruch gegen das Wiener Neustädter Brauhäus. Der Wunsch der Ansuchenden um „Abstellung des Preihauses zur Neustatt“ blieb zum Glück für die weitere Wiener Neustädter Braugeschichte aber ungehört.

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Erste Erwähnung: Urkunde „Preihaus zur Neustatt“ im Jahr 1621

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„Gärkeller“- Hinweistafel beim „Leiner-Parkplatz“

Der Bräuhausbetrieb im 17. Jahrhundert

Der Konkurrenz zum Trotz entwickelte sich das städtische Brauhaus immer besser. Die Bewohner der Stadt favorisierten zwar immer noch den Wein als alkoholisches Getränk, Produktion und Konsum von Wiener Neustädter Bier stiegen aber stetig. 1697 lag die Jahresproduktion bei 3086 „Eimern“, was einer Biermenge von rund 180.000 Litern entspricht.

Der Alkoholgehalt des damaligen Wiener Neustädter Biers lag zu jener Zeit etwas höher als bei unserem heutigen Lagerbier. In kleineren Mengen und zu besonderen Anlässen stellte man bereits damals (noch etwas) stärkeres Festtagsbier her.

Das städtische Bräuhaus befand sich in der Bräuhausgasse, unmittelbar östlich des Zeughauses. In späterer Zeit ist das aufgelassene und leerstehende Zeughausareal in den expandierenden Brauereibetrieb integriert worden. Beliefert wurden, neben privaten Abnehmern, Traditionsgasthäuser wie „Goldener Hirsch“, „Weißes Rössel“ und „Goldener Brunnen“, außerdem wird in der Stadtchronik von vier Bierwirten und zwei „Bierhäusl“ berichtet. Nebenbei bestanden aber weiterhin kleine Hausbrauereien, die ihr selbstproduziertes Bier in sogenannten „Winkelschenken“ feilboten. Die Stadt versuchte, diese illegalen Bierhäusl, deren Betreiber keine Abgaben leisteten, zu bekämpfen. Eine lückenlose Kontrolle war jedoch kaum möglich.

Verpachtung des Bräuhauses im 18. Jahrhundert

Bis einschließlich des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts betrieb die Stadt das Bräuhaus selbst. 1735 ging die Stadtverwaltung dazu über, das Bräuhaus zu verpachten. Die Produktionsstätte entwickelte sich zunehmend erfolgreich und war durch die kontinuierlich steigenden Pachtgebühren eine gute Einnahmequelle für die Stadt. Die Zahl der Gaststätten – und damit Bierabnehmern – stieg, zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren es 30 Wirte, in den 1820er Jahren bereits 44.

Ab dem 19. Jahrhundert war es den Brauhauspächtern gestattet, auch selbst eine „Bierwirtschaft“ am Standort, als zusätzliche Einnahmequelle, zu betreiben. Die Stadt selbst erließ zu jener Zeit auch ein Verbot der Ausschank von fremden Bier in Wiener Neustadt. Nur für den privaten Konsum, nicht aber für den Verkauf, durfte anderes Bier aus der Umgebung bezogen werden. Ab 1833 wurden die „Kasematten“ in den Bräuhaus-Komplex integriert. Die Mitte des 16. Jhs. angelegten Kasematten dienten ursprünglich der Verteidigung, vorwiegend zur Lagerung von Waffen und Munition. Lüftungsstutzen in den erdbedeckten Gewölben bewirkten ein kühles und trockenes Raumklima in der weitläufigen Anlage. Und diese Voraussetzungen erschienen ebenso für die Lagerung von Bier und Rohstoffen wie Gerste bestens geeignet.

Brauhofsaal ausgehendes 19 JH

Bräuhaussaal Ende 19. Jh.

Grundriss Bräuhaus 1817

Grundriss Bräuhaus 1817

Das Bräuhaus vor 200 Jahren

In der Stadtchronik vorliegende Pläne aus dem Jahre 1817 geben uns heute ein relativ gutes Bild vom Wiener Neustädter Brauwesen vor 200 Jahren. Der zweigeschossige Gebäudekomplex (mit Lagerkeller) war in U-Form ungelegt, mit einem großzügigen Innenhof und einer Gesamtfläche von 60 mal 30 Metern. Durch eine Einfahrt gelangte man in den Hof und zu den zentralen Produktionsräumlichkeiten, dem eigentlichen Bräuhaus, der Bierbrandbrennerei und dem Dörrofen.

Neben Schlafkammern für den Bräu- und den Pfannenknecht gab es noch mehrere Ställe für Kühe, Pferde und Ochsen, ebenso die „Trebernkammer“. Als Treber bezeichnet man die Malzrückstände, die nach dem Läutern der Würze im Läuterbottich übrigbleiben. Es ist ein gesuchtes Viehfutter und wird üblicherweise von den Brauereien an Landwirte verkauft. Das in Trebern gebundene Eiweiß eignete sich ideal als Zusatznahrung für Kühe, um deren Milchproduktion zu steigern. Die Fleckviehhaltung am Bräuhausareal war damit eine lohnende, aus heutiger Sicht nachhaltige Maßnahme. Einerseits konnte das Abfallprodukt wiederverwertet und andererseits die Milch verkauft werden.

Das Bräuhaus wird Aktiengesellschaft

Produktion und Nachfrage entwickelten sich im 19. Jahrhundert weiterhin prächtig und das bewährte Pachtsystem blieb bis in die 1860er Jahre aufrecht. Mit einer deutlichen Erweiterung des Betriebs entschied sich die Stadt 1869 allerdings dem Bräuhaus auch eine neue Geschäftsstruktur zu geben und dieses zu privatisieren. Nach Umwandlung in eine Aktiengesellschaft im Jahr 1869 firmierte es nunmehr unter dem Namen „Aktiengesellschaft Wiener Neustädter Brauhof“.

Ab 1876 kam das Unternehmen in den Einflussbereich der bedeutenden österreichischen Braufamilie Dreher, deren Brauerei Schwechat um 1850 die größte Brauerei auf Europas Festland war. Anton Dreher sen. gilt als Erfinder des Lagerbiers, des heute weltweit verbreitetsten und erfolgreichsten Biertyps. Sein Sohn Anton Dreher jun. übernahm die väterliche Firma 1870, vergrößerte das Brauereiimperium weiter und begann den Export des Lagerbieres in alle Welt.

Um nun auch im Sommerhalbjahr Lagerbier zu brauen, legte man in Wiener Neustadt Eis- bzw. Gärkeller an. Ein solcher befand sich an der ehemaligen Stadtgrabenstraße, heute Ferdinand Porschering, und an der südlichen Stadtmauer im Bereich der Brauerei. Man schnitt im Winter Eisblöcke aus dem Bräuhausteich und stapelte sie in den Eiskellern, wodurch bis weit in den Sommer niedrige Temperaturen gehalten werden konnten.

Bräuhaus 1902

Bräuhaus Innenhof 1902

Bräuhaussaal um 1913

Bräuhaussaal 1913

Niedergang der Wiener Neustädter Brauhof AG

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts befand sich die Brauhof AG im Besitz wohlhabender Wiener Neustädter Bürger, die Bierproduktion lag bei beachtlichen 5 Mio. Litern pro Jahr.

Allerdings wuchs der Konkurrenzdruck. 1890 gab es nicht weniger als 558 fabriksmäßige Brauerein in Österreich, die zusammen 1 Mrd. Liter Bier pro Jahr produzierten. Vor allem kleinere Brauerein, wie der Wiener Neustädter Brauhof, spürten die zunehmende Macht der großen Konzerne. Der Bierkonsum in der Bevölkerung stieg weiterhin, Produktion und Absatz der der Brauhof AG sanken dazu aber gegenläufig. 1910 lag die Produktion bei 3 Mio. Litern – und dies obwohl auch in Spanien und Italien das Wiener Neustädter Bier Abnehmer fand. 1913 beschäftigte der Betrieb noch 80 Mitarbeiter und verfügte über 9 Bierdepots.

Der erste Weltkrieg bewirkte durch die Abwesenheit vieler wehrfähiger (und auch trinkfester) Männer einen weiteren Rückschritt und Tiefpunkt, sodass 1917 nur noch 1 Mio. Liter Bier die Brauerei verließen.

In der ersten Hälfte der 1920er Jahre setzte sich die ökonomische Durststrecke des Unternehmens fort, bis 1926 schließlich die Bekanntgabe der Stilllegung und Auflösung der Gesellschaft durch Vereinigung mit der Firma „Aktiengesellschaft der Liesinger Brauerei“ erfolgte. Mit dieser Entscheidung fand nach einer Jahrhunderte währenden Brautradition die Geschichte des Wiener Neustädter Bräuhauses ihr Ende.

Firmenauflösung & Gaststättenbetrieb

Was die Brauereianlagen betraf, so waren deren Tage nach dem „unfriendly takeover“ durch die „Liesinger Brau AG“ gezählt. Diese veranlasste sofort nach Stilllegung die Demontage der noch verwendbaren Maschinen und Betriebseinrichtungen. Zurück blieben mehr oder weniger abbruchwürdige Altgebäude inklusive eines wertvollen 22.000 qm großen Grundstücks. Noch im selben Jahr beschloss der Gemeinderat der Stadt den Ankauf des Areals. 1928/1929 erfolgte der Abriss aller funktionslos gewordenen Gebäude.

Lediglich das Altgebäude in der Bräuhausgasse 7 verblieb weiterhin in Besitz der „Liesinger Brauerei AG“. Bereits 1927 suchte diese um Verleihung einer Gast- und Schankgewerbeberechtigung an. Der nun sogenannte „Liesinger Brauhof“ entwickelte sich in den nächsten fünf Dekaden zu einem der beliebtesten Lokale von Wiener Neustadt.

In den Jahren 2001/2002 erfolgte, nachdem die Liesinger Brauhof-Gaststätte bereits zu Beginn der 1990er Jahre ihre Pforten geschlossen hatte, der Abbruch der letzten noch bestehenden Gebäudeteile.

Heute befinden sich auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei die Parkplätze und der neue Zubau der Firma Leiner. Obwohl die Gebäude alle verschwunden sind, erinnern noch einige Denkmäler am Areal an das Wiener Neustädter Brauhaus – stumme Zeugen einer traditionsreichen Braugeschichte.

Bräuhaus Innenhof 1927

Bräuhaus Innenhof 1927

Kapuzinerkirche um 1900

Bräuhausgelände bei Kameliterkirche 1910

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Brauhofteich  1910

Bräuhausgelände_um_1913

Bräuhausgelände 1913

Braeuhaus Demolierung

Demolierung Bräuhaus 1928

400 Jahre Brautradition. Neu Belebt.

Nach fast 100 Jahren ohne „eigenes“ Stadtbier nahm die Stadt zu Beginn des Jahres 2014 einen Anlauf zur Wiederauferstehung des „Wiener Neustädter Biers“. Die Vorstellungen zum Wiener Neustädter Bier waren von Beginn weg bereits klar: Ein echtes Regionalprodukt sollte es sein, in handwerklicher städtischer Tradition gefertigt und mit einem unverkennbaren Geschmack, abseits von gängigen Industriebieren.

Als Partner für dieses Vorhaben, konnte schließlich die „Schlossbrauerei Kobersdorf“ gewonnen werden, ein zertifizierter BIO-Betrieb, 25 km südlich von Wiener Neustadt, mit DI Peter Döllinger, einem Braumeister mit jahrzehntelanger, internationaler Erfahrung, an der Spitze.

Gemeinsam wurde in alten Rezepturen gestöbert und ein eigener Sud kreiert. Die Rezeptur besticht dabei durch eine fein austarierte Komposition aus drei Edel-Hopfensorten, mit Zutaten ausschließlich aus kontrollierter biologischer Landwirtschaft.

Premiere feierte das neue Wiener Neustädter Bier schließlich am 23.August 2014 beim Stadtfest am Hauptplatz. Seither erfreut es sich ungebrochener und zunehmender Beliebtheit – in Wiener Neustadt, aber bereits auch weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Tafel - Wiener Neustädter Biere

Bierschild erstes Viertel 20 Jh.

Torbogen Bräuhaus

Brauhof-Torbogen 40/50er Jahre 20 Jh.

Faltkarte Brauhof

Faltkarte Brauhof – 50er Jahre 20 Jh.

Liesinger_Brauhof_vor_Abbruch_2001_107681

Liesinger Brauhof vor Abbruch 2001